Veröffentlicht am Di., 30. Jun. 2020 11:02 Uhr

Wenn der Sommer kommt, zieht es mich raus zu meinen Eltern aufs Land. Aus der heißen Berliner Wohnung fahre ich in das idyllische 8000-Einwohner-Städtchen, in dem ich einen Großteil meiner Kindheit verbracht habe.
Meine Eltern wohnen noch immer in dem gleichen Haus, ich schlafe wieder in meinem alten Kinderzimmer. Jedes Mal freue mich schon am Bahnhof auf den riesigen Garten, den Schatten der Bäume, das weiche Gras unter meinen Füßen. Es fühlt sich nach all den Jahren, die ich dort schon nicht mehr wohne, nach all den Orten, an denen ich seitdem gelebt habe, immer noch wie „nach Hause kommen“ an. Oft gehe ich dann, nun mit meinen eigenen Kindern, zu Fuß zum Marktplatz und wir holen uns ein Eis in der einzigen Eisdiele im Ort, wo noch immer die gleichen italienischen Brüder arbeiten. So vieles ist gleich geblieben – jeder Besuch ist eine Rückkehr ins Glück, in die Sicherheit und Idylle meiner Kindheit.
Und doch ist es nicht das Gleiche und irgendwann überkommt mich jedes Mal so eine unbestimmte Wehmut. Irgendetwas scheint immer zu fehlen, in mir bleibt eine Leerstelle, eine Rastlosigkeit und jedes Mal denke darüber nach, was es ist, dieses Gefühl. Ich denke an die Sommerferien, die ich faul im Gras liegend im Garten verbracht habe. An die ersten Fahrten mit dem Auto meiner Eltern zu meiner Freundin auf dem Dorf. An die stromernden Spaziergänge mit meinen Schwestern und dem Hund am Fluss entlang.
Da ist so eine Sehnsucht. War es wirklich so schön? Ist das reine Nostalgie? Was suche ich? Manchmal muss ich dann an die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies denken. Vielleicht erinnern Sie sich: Gott hatte die ersten Menschen, Adam und Eva, in einen paradiesischen Garten gesetzt, wo sie ohne Sorgen in den Tag hineinleben durften. Nur von dem „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ sollten sie nicht essen – und haben es natürlich doch gemacht. Daraufhin wurden sie aus dem Garten der Sorglosigkeit verbannt, mit den bekannten Folgen: schwere Arbeit, unter Schmerzen Kinder kriegen, Engel bewachen mit flammendem Schwert den Eingang.

Vielleicht hatten die Autorinnen und Autoren der Bibel eine ähnliche Erfahrung in Kopf und Herz. Vielleicht machten auch sie die Erfahrung: irgendwann ist die Sorglosigkeit der Kindertage vorbei, egal wie oft du auch an den vertraut-geliebten Ort zurückkehrst.
Du kannst nicht mehr so einfach in den Tag hineinleben, dein Verstand und deine Verantwortung lasten auf deinen Schultern und lenken dich ab.
Du wirst immer auf der Suche bleiben, den Frieden, den du aus deiner Kindheit (vielleicht auch völlig verklärt) erinnerst, wieder in dein Herz zu holen. So stelle ich es mir vor, mein Paradies: der Ort, an dem die Suche vorbei ist und mein Herz sich nicht mehr fragt, was fehlt. Der Ort, an dem ich zu Hause bin und nicht mehr will, als da zu sein, wo ich gerade bin: an einem trägen Sommertag auf dem Bauch liegend im Gras im Garten meiner Kindheit und dem leisen Wind in den Zweigen lauschen.  

Und Sie – wohin führt Sie die Sehnsucht nach ihrem Paradies?

Pfarrerin Susanne Öhlmann

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