Veröffentlicht von Bettina Berndt am Fr., 5. Jan. 2018 12:01 Uhr

Viele Städte in Europa zeigen ein wiederkehrendes Muster. In ihrem Zentrum liegen Marktplatz, Rathaus und Kirche. Der Marktplatz ist ein Ort des Handels und des öffentlichen Austauschs. Vom Rathaus aus wird regiert und Politik gemacht. Der Kirchturm ragt wie ein Fingerzeig in den Himmel und erinnert die Menschen daran, dass ihr Leben nicht im sichtbar Vorhandenen aufgeht.

Noch heute schenken Kirchtürme aufgrund ihrer im wahrsten Sinne „überragenden“ Architektur Orientierung im unübersichtlichen Großstadtdschungel. Oft stehen repräsentative Kirchengebäude an der Stelle der alten Dorfkerne, an denen heute das Kiez-Leben pulsiert. Die Kirche in der Mitte, als weithin sichtbares Zentrum von Stadt oder Dorf – das galt lange als Ideal der räumlichen Präsenz von Religion.

Aber dieses Ideal spiegelt nur noch einen Teil der Wirklichkeit unserer Städte wider. Städte sind im permanenten baulichen Wandel. Das gilt für Berlin womöglich in ganz besonderer Weise. Neue Quartiere entstehen, andere werden nachverdichtet. Im Zentrum von Neubaugebieten liegt in der Regel kein Rathaus und keine Kirche, sondern ein Discounter mit riesiger Parkfläche, vielleicht noch eine Grünanlage, zuweilen ein Kulturzentrum.

Dieses Fehlen eines zentral sichtbaren religiösen Ortes wird von vielen Menschen als schmerzlich empfunden. Zugleich zeigt sich beim näheren Hinsehen, wie vielfältig sich das religiöse Leben auch und gerade in neuen Stadtquartieren gestaltet. Oft sind es die diakonischen Träger, die hier Pionierarbeit leisten. Aber auch kirchliche Graswurzel-Initiativen, Kindergärten, Stadtteilcafés und Kiez-Oasen entwickeln eine kirchliche Präsenz, die nicht an überragenden Symbolbauten hängt, dafür umso stärker sozialräumlich orientiert ist.

Je stärker sich städtebauliche Strukturen verändern und die Grenzen zwischen Peripherie und Zentrum verschwimmen, desto wichtiger werden neue Formen kirchlicher und religiöser Präsenz, die der konkreten Situation Rechnung tragen. Neue Stadtquartiere stellen so gesehen nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein Experimentierfeld für kirchlich-diakonisches Handeln dar. Parochiale Zuschnitte erscheinen dabei weniger wichtig als der Sinn für die sozialräumlichen Kontexte und symbolischen Zentren, die das Leben der Menschen vor Ort tatsächlich bestimmen.

Infobox:

In einem Forschungsprojekt, das gemeinsam von Prof. Dr. Thorsten Moos (ehemals FEST Heidelberg, jetzt Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel), Prof. Dr. Christopher Zarnow (ehemals Arbeitsstelle Theologie der Stadt im Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg, jetzt Evangelische Hochschule Berlin) und Juliane Kanitz (FEST, Heidelberg) in Kooperation u.a. mit dem Kirchenkreis Nordost durchgeführt wird, wird städtevergleichend in Hamburg, München, Heidelberg, Freiburg, Karlsruhe und Berlin die Präsenz von Religion in neuen Stadtquartieren untersucht. Zu den beforschten Stadtgebieten gehört auch der Blankenburger Süden.

Prof. Dr. Christopher Zarnow 

Bild: pixabay.com

 

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