Veröffentlicht am Mi., 24. Feb. 2016 13:00 Uhr

Ein Besuch in Kedia, einer Gemeinde ca. 1700 m hoch am Kilimanjaro gelegen ist eine aufwändige Sache. Selbst der vierradbetriebene Geländewagen hat seine Mühe, den ganzen Weg von der Stadt Moshi in der Ebene nach „Alt-Moshi“, eben nach Kedia hinauf zu klettern. Hier oben hatte der Missionar Bruno Gutmann seine Missionsgemeinden gehabt. 1876 in Dresden geboren, war ernach theologischer Ausbildung zu Beginn des 20.Jahrhunderts entsandt worden, um die christliche Mission in Ostafrika voranzubringen. Anders als andere vor ihm, etwa die Missionare der Londoner Missionsgesellschaft, die ihre Sendung als eine umfassende kulturelle Mission europäischer Art zu leben verstanden, lebt Gutmann zunächst ohne missionarisch tätig zu werden 7 Jahre mit den Chagga (der heute noch dort ansässigen Volksgruppe) am Berge, um ihre Sprache, ihre Bräuche, ihre Rechtsprechung, ihre Art zu leben zu lernen. „Die englische Mission brachte `Christ in the box`, das Evangelium wie es in Nordeuropa gelebt wird, Gutmann versuchte sensibel die Umstände der Chagga zu begreifen, um die Gute Botschaft dorthinein zu predigen“, berichtete uns Pfarrer Njau in Kedia, dessen Vater selbst noch Gemeindehelfer bei Gutmann war. Mit großer Ehrfurcht öffnet er uns die alten Kirchbücher der Gemeinde, in der die Amtshandlungen Gutmanns verzeichnet sind.

Sogar „Pombe“ habe er mit den Dorfältesten getrunken, jenes selbstgebraute Bier aus gegorenen Bananen und Hirse – aus meiner Sicht ein wirklich bedingungsloser Einsatz für die Sache des Herrn … - und erlangte so ein Ansehen bei den Chagga, die ihn bis heute andächtig als ihren Ältesten bezeichnen. Von Gutman überliefert sind neben seinen geistlichen Niederschriften eine große Sammlung von Geschichten und Legenden der Chagga und, 700 Seiten umfassend, eine ausführliche Gesetzessammlung der Chagga. Mit ihren Bildern und Vorstellungen hat er die Predigt vom Evangelium verbunden. Ein Denkmal in der Gemeinde von Kedia erinnert an seine Predigt von Christus, der den großen Weltenstein über Kopfeshöhe heben kann – bei den Chagga war es Brauch, dass zum Zeichen der vollen Manneskraft die jungen Männer einen großen Stein ebenso in die Höhe heben mussten. Das war Verdeutlichung über die Vollmacht des Herrn der Kirche genug.
Die Liebe zu den Menschen am Kilimanjaro hat ihn sein Leben lang nicht verlassen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1966 blieb er ihnen innigst verbunden. – Ach ja, mit Vierradantrieb nach Kedia … Gutmann machte das mit einem Esel, um den Sklaven die auf ihrem erzwungenen Marsch aus Zentralafrika nach Bergamojo an der Ostküste, um den arabischen Händlern zugeführt zu werden, krank und nahe dem Verhungern waren, Linderung zu bringen. Was für eine erstaunliche Lebensgeschichte! Die Frucht dieses Wirkens hat die Lutherische Kirche Tansanias zur zweitgrößten weltweit gemacht, die ihren Auftrag im Sinne der Glaubensväter wahrnehmen will.

Eindrucksvoll in diesem Zusammenhang war uns ein Besuch in einem Masaidorf, eineinhalb Stunden entfernt von den belebten und gut versorgten Städten, in der Steppe, wo Wasser das kostbarste Gut ist und eine Hand voll Bananen wie ein Festtagsgeschenk von der Dorfältesten sorgsam auf- und jedem einzelnen Kind zugeteilt wird. Alle Kirchengemeinden des Hai-Kirchenkreises geben 200 Kilo Mais für die Unterstützung der armen Masai-Gemeinden ab, deren Männer die meiste Zeit mit den Viehherden unterwegs sind und deren Kinder, Frauen und Greise daheim in den Trockenzeiten Not leiden. Von einer Wasserstelle holen sie kilometerweit die Versorgung auf Eselsrücken. Ansonsten hilft nur erzwungene Bescheidenheit – nicht ohne die diesem Nomadenvolk eigene und unbeschreibliche Würde zu bewahren.


Superintendent Martin Kirchner

Kategorien Ausbildungsprojekt am Kilimanjaro